Jacobson-Organ beim Hund: Was Welpen, Urin und Zähneklappern damit zu tun haben

Es gibt einen Moment bei einer Welpengeburt, den ich auch nach vielen Würfen immer noch unglaublich finde.

Der Welpe ist gerade geboren. Die Augen sind geschlossen, das Gehör noch nicht ausgereift.

Und trotzdem beginnt er sofort zu suchen.

Er robbt an seiner Mutter entlang. Oft dauert es keine Minute, bis er eine Zitze gefunden hat und trinkt.

Ich könnte das jedes Mal wieder beobachten.

Woher weiß dieser winzige Welpe, wohin er muss?

Er hat noch nie eine Zitze gesehen. Niemand zeigt ihm den Weg. Und trotzdem funktioniert es.

Als ich mich damit näher beschäftigt habe, bin ich auf ein Sinnesorgan gestoßen, von dem viele Hundehalter wahrscheinlich noch nie gehört haben:

das Jacobson-Organ beim Hund.

Und damit wurde die Sache erst richtig interessant.

Wie findet ein neugeborener Welpe die Zitze?

Ein neugeborener Welpe kommt mit geschlossenen Augen und einem noch unreifen Gehör zur Welt. Sehen und Hören entwickeln sich erst nach und nach.

Trotzdem ist er seiner Umwelt nicht völlig ausgeliefert.

Er nimmt Wärme und Berührungen wahr. Sein Geruchssinn hilft ihm bei der Orientierung. Außerdem bringt er angeborene Reaktionen mit, die ihm helfen zu suchen, zu kriechen und zu saugen.

Der Such- und der Saugreflex sind für einen neugeborenen Welpen lebenswichtig.

Zusammen mit Geruch, Wärme und Berührung helfen sie ihm, die Mutter und die Milchleiste zu finden.

Und trotzdem bleibt für mich diese Frage:

Wie schafft er das so unglaublich schnell?

Denn es gibt noch einen weiteren Sinnesweg, den Hunde besitzen.

Was ist das Jacobson-Organ beim Hund?

Das Jacobson-Organ wird wissenschaftlich auch Vomeronasalorgan genannt.

Keine Sorge – den Begriff müssen wir uns nicht merken.

Interessanter ist, was dahintersteckt.

Das Jacobson-Organ ist ein besonderes Sinnesorgan, mit dem der Hund bestimmte chemische Stoffe aus seiner Umgebung wahrnehmen kann. Solche Stoffe können bei der Kommunikation zwischen Tieren eine Rolle spielen.

Das Organ liegt im Bereich von Nase und Gaumen. Beim Hund gibt es außerdem eine kleine Verbindung zwischen Maul und Nase, über die bestimmte Stoffe in diesen Bereich gelangen können.

Und jetzt kommt das Spannende:

Diese Verbindung ist bereits bei neugeborenen Welpen vorhanden.

Natürlich liegt da eine Vermutung nahe.

Könnte das Jacobson-Organ vielleicht dabei helfen, dass der Welpe seine Mutter oder sogar die Zitze findet?

Hilft das Jacobson-Organ dem Welpen bei der Zitzensuche?

Die Antwort ist:

Wir wissen es bisher nicht.

Das ist mir wichtig, weil man im Internet schnell eine andere Antwort findet.

Wir wissen, dass das Jacobson-Organ beim Hund vorhanden ist. Auch die entsprechende Verbindung zwischen Maul und Nase ist bereits beim neugeborenen Welpen angelegt.

Was bisher nicht nachgewiesen wurde:

Dass ein Welpe mithilfe des Jacobson-Organs die Zitze findet.

Geruch, Wärme, Berührung sowie angeborene Such- und Saugreaktionen spielen bei der Orientierung des Welpen eine wichtige Rolle.

Ob das Jacobson-Organ dabei zusätzlich beteiligt ist, ist bisher offen.

Und das finde ich eigentlich ziemlich spannend.

Wir leben schon so lange mit Hunden zusammen und trotzdem gibt es Dinge, die wir noch nicht vollständig verstehen.

Infografik Jacobson-Organ beim Hund

Vom Welpen zum erwachsenen Hund

Ein paar Wochen später sieht die Welt dieses kleinen Welpen schon völlig anders aus.

Er sieht, hört, läuft, spielt und erkundet seine Umgebung.

Und irgendwann macht er genau das, was wahrscheinlich jeder Hundehalter kennt.

Wir gehen spazieren.

Der Hund bleibt stehen.

Er schnüffelt an einem Grashalm.

Und schnüffelt.

Und schnüffelt noch immer.

Wir sehen dort überhaupt nichts.

Für unseren Hund scheint diese Stelle dagegen ausgesprochen interessant zu sein.

Vielleicht hat dort ein anderer Hund uriniert. Vielleicht war dort eine läufige Hündin.

Für uns ist es eine Wiese.

Für unseren Hund kann dort eine ganze Menge Information stecken.

Und genau hier wird das Jacobson-Organ beim erwachsenen Hund wieder interessant.

Aus diesem winzigen Welpen wird irgendwann ein Hund, für den Gerüche eine völlig andere Bedeutung haben als für uns.

Gerade beim Lagotto Romagnolo als Arbeitshund spielt die Nase eine ganz besondere Rolle.

Warum lecken Hunde an Urin?

Manche Hunde schnüffeln nicht nur an einer Urinstelle.

Sie lecken daran.

Für uns Menschen ist das nicht gerade appetitlich. Für den Hund kann Urin aber interessante chemische Informationen enthalten.

Besonders gut untersucht ist die Reaktion von Rüden auf den Urin läufiger Hündinnen.

In einer Untersuchung mit 25 Rüden zeigte sich eine sehr deutliche Reaktion: Alle untersuchten Rüden leckten am Urin läufiger Hündinnen. Andere Urinproben lösten dieses Verhalten wesentlich seltener aus.

Das heißt nicht, dass wir heute schon genau wissen, welche Information der Hund dabei wahrnimmt und welcher Teil davon über das Jacobson-Organ verarbeitet wird.

Aber es zeigt:

Wenn unser Hund minutenlang eine Urinstelle untersucht, beschäftigt er sich nicht einfach nur mit einem interessanten Geruch.

Dort können für ihn Informationen stecken, die wir überhaupt nicht wahrnehmen können.

Warum klappert mein Hund mit den Zähnen?

Und damit komme ich zu meiner eigenen Hündin.

Sie macht nämlich etwas, das ich schon häufiger beobachtet habe:

Sie klappert plötzlich mit den Zähnen.

Manchmal kann ich überhaupt nicht erkennen, warum sie das macht.

Natürlich habe ich mich gefragt, was dahintersteckt.

Als ich anfing, über das Jacobson-Organ zu lesen, dachte ich zunächst:

Vielleicht habe ich die Erklärung gefunden.

Denn im Internet liest man häufig, dass Hunde mit den Zähnen klappern, um Duftstoffe zum Jacobson-Organ zu transportieren.

Das klingt zunächst logisch.

Nur bewiesen ist es beim Hund nicht.

Hat Zähneklappern beim Hund mit dem Jacobson-Organ zu tun?

Zähneklappern wurde bei Hunden durchaus in Situationen beobachtet, in denen sie intensiv schnüffeln oder andere Hunde untersuchen.

Was bisher fehlt, ist der direkte Nachweis, dass dieses Klappern tatsächlich dazu dient, bestimmte Stoffe zum Jacobson-Organ zu bringen.

Bei anderen Tierarten sind solche Vorgänge wesentlich genauer untersucht worden.

Und genau da entsteht manchmal ein Problem:

Was bei einer Katze, einem Pferd oder einem anderen Tier nachgewiesen wurde, wird irgendwann auch über Hunde geschrieben.

Aber Hunde sind eben Hunde.

Außerdem kann Zähneklappern beim Hund unterschiedliche Ursachen haben.

Aufregung kann beispielsweise eine Rolle spielen. Auch Schmerzen oder bestimmte Bewegungsstörungen werden als mögliche Ursachen beschrieben.

Deshalb würde ich heute nicht sagen:

„Mein Hund klappert mit den Zähnen, also benutzt er gerade sein Jacobson-Organ.“

Vielleicht besteht in bestimmten Situationen ein Zusammenhang.

Wir wissen es nur noch nicht sicher.

Und wenn ein Hund plötzlich neu, häufig oder ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Schnüffeln mit den Zähnen klappert, würde ich deshalb nicht automatisch an das Jacobson-Organ denken, sondern es im Zweifel auch tierärztlich abklären lassen.

Können Hunde Gerüche schmecken?

Auch diese Erklärung begegnet einem häufig:

„Mit dem Jacobson-Organ können Hunde Gerüche schmecken.“

Das klingt schön, ist aber sehr vereinfacht.

Riechen ist ein Sinn. Schmecken ist ein anderer. Und das Jacobson-Organ ist noch einmal ein zusätzlicher Weg, bestimmte chemische Stoffe wahrzunehmen.

Ich finde eine andere Vorstellung viel schöner:

Unsere Hunde nehmen Informationen aus ihrer Umgebung wahr, die für uns vollkommen unsichtbar sind.

Und plötzlich erscheint auch der ewige Grashalm beim Spaziergang in einem anderen Licht.

Wir sehen Gras – unser Hund vielleicht eine Nachricht

Vielleicht ist das der Punkt, der mich an diesem Thema am meisten fasziniert.

Wir laufen über einen Weg und sehen eine Wiese.

Unser Hund bleibt stehen und steckt seine Nase ins Gras.

Wir sehen nichts Besonderes.

Er offenbar schon.

Welche Informationen Hunde aus solchen Geruchsspuren tatsächlich herauslesen können, ist noch längst nicht vollständig erforscht.

Aber wir wissen, dass Gerüche und andere chemische Signale in der Welt unserer Hunde eine enorme Rolle spielen.

Vielleicht dürfen wir ihnen deshalb manchmal einfach diese zusätzliche Minute geben.

Wir lesen Nachrichten auf unserem Handy.

Unser Hund liest eben manchmal am Grashalm.

Und was ist nun mit meinen Welpen?

Am Ende komme ich wieder zu dem Moment zurück, mit dem alles angefangen hat.

Ein Welpe ist gerade geboren.

Die Augen geschlossen. Das Gehör noch nicht ausgereift.

Und trotzdem beginnt er zu suchen.

Wärme, Berührung, Gerüche und angeborene Reflexe helfen ihm dabei, seine Mutter und die Milch zu finden.

Das Jacobson-Organ ist ebenfalls schon vorhanden.

Ob es ihm bei dieser allerersten Suche zusätzlich hilft?

Das wissen wir bisher nicht.

Und vielleicht muss auch gar nicht jede Frage sofort eine fertige Antwort haben.

Ich habe über viele Jahre Hunde und Welpen beobachtet. Und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich denke:

Was bekommst du gerade alles mit, von dem ich überhaupt nichts ahne?

Vielleicht ist genau das eines der Dinge, die das Leben mit Hunden so spannend machen.

Der Such- und Saugreflex sind für einen neugeborenen Welpen lebenswichtig und gehören auch zu den Dingen,

auf die man bei der Gesundheit und Entwicklung eines Welpen achten kann.


Jacobson-Organ

Können Hunde Gerüche schmecken?

Auch diese Erklärung begegnet einem häufig:

„Mit dem Jacobson-Organ können Hunde Gerüche schmecken.“

Das klingt schön, ist aber sehr vereinfacht.

Riechen ist ein Sinn. Schmecken ist ein anderer. Und das Jacobson-Organ ist noch einmal ein zusätzlicher Weg, bestimmte chemische Stoffe wahrzunehmen.

Ich finde eine andere Vorstellung viel schöner:

Unsere Hunde nehmen Informationen aus ihrer Umgebung wahr, die für uns vollkommen unsichtbar sind.

Und plötzlich erscheint auch der ewige Grashalm beim Spaziergang in einem anderen Licht.

Wir sehen Gras – unser Hund vielleicht eine Nachricht

Vielleicht ist das der Punkt, der mich an diesem Thema am meisten fasziniert.

Wir laufen über einen Weg und sehen eine Wiese.

Unser Hund bleibt stehen und steckt seine Nase ins Gras.

Wir sehen nichts Besonderes.

Er offenbar schon.

Welche Informationen Hunde aus solchen Geruchsspuren tatsächlich herauslesen können, ist noch längst nicht vollständig erforscht.

Aber wir wissen, dass Gerüche und andere chemische Signale in der Welt unserer Hunde eine enorme Rolle spielen.

Vielleicht dürfen wir ihnen deshalb manchmal einfach diese zusätzliche Minute geben.

Wir lesen Nachrichten auf unserem Handy.

Unser Hund liest eben manchmal am Grashalm.

Und was ist nun mit meinen Welpen?

Am Ende komme ich wieder zu dem Moment zurück, mit dem alles angefangen hat.

Ein Welpe ist gerade geboren.

Die Augen geschlossen. Das Gehör noch nicht ausgereift.

Und trotzdem beginnt er zu suchen.

Wärme, Berührung, Gerüche und angeborene Reflexe helfen ihm dabei, seine Mutter und die Milch zu finden.

Das Jacobson-Organ ist ebenfalls schon vorhanden.

Ob es ihm bei dieser allerersten Suche zusätzlich hilft?

Das wissen wir bisher nicht.

Und vielleicht muss auch gar nicht jede Frage sofort eine fertige Antwort haben.

Ich habe über viele Jahre Hunde und Welpen beobachtet. Und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich denke:

Was bekommst du gerade alles mit, von dem ich überhaupt nichts ahne?

Vielleicht ist genau das eines der Dinge, die das Leben mit Hunden so spannend machen.